Presse

Melodie & Rhythmus Ausgabe 11.08. 2006

Die Mauer
Renft-Sänger Thomas Schoppe veröffentlicht Solosingle.

1962, mit 17 Jahren scheiterte er noch bei einem Fluchtversuch. 1978 reiste der Sänger Thomas Schoppe dann nach West-
Berlin aus. Die Band, in der er spielte, war zuvor mit einem Berufsverbot belegt worden. Das war die Gruppe Renft. Die
innerdeutsche Mauer spielte somit eine zentrale Rolle im Leben des Thomas Schoppe. Er erkannte wie sie die Menschen
spaltete und auch nach dem Mauerfall noch in den Köpfen blieb. Seit 1990 trug Schoppe den Wunsch in sich, seine
Gedanken dazu in einem Lied zu manifestieren. Er wollte seinen persönlichen politischen Mauersong, der nun bei Choice Of
Music in Hamburg auf Single erscheint: „Die Mauer“- ein Lied über eine Liebe, die an den sie umgebenden Strukturen
scheitert. Für Schoppe ist sein Mauersong ein inniges Bedürfnis, ein Stück Vergangenheitsbewältigung und der Versuch
eines politischen Statements. Die Solo-CD „Kampf um Liebe“ soll folgen.


Mitteldeutsche Zeitung vom 12.08.2006

45. Jahrestag des Mauerbaus

Ein neues Lied reißt alte Naht vom Herzen
Renft-Kopf Thomas Schoppe singt sich Geschichte von der Seele 

Geschrieben von Steffen Könau, Berlin/Halle/MZ.

Die großen Ozeandampfer bei der Tante in Cuxhaven, der Geruch der Tarzan-Comic-Hefte, das Gefühl, einen Kaugummi zu
kauen. Thomas Schoppe liebte es. „Ich wollte damals am Ende der Ferien immer drüben bleiben“, erinnert sich der Mann,
der mit der Gruppe Renft ein Kapitel Rockgeschichte schrieb. Bei seinem letzten Besuch an der Küste ahnt der Elfjährige
schon, „dass ich das Meer lange nicht wiedersehen werde“. Am letzten Ferientag bettelt er seine Mutter, er fleht und bittet,
komm, lass uns bleiben. Doch Mama will zurück nach Leipzig. Wenig später stirbt sie. Thomas Schoppe, geboren in
Eisleben als Enkel eines Bergmanns, kommt ins Kinderheim.

Flucht ohne Plan

Als 1961 die Mauer gebaut wird, ist er 16. „Ich wusste, was mir entgeht“, sagt er. Zehn Monate später reißt Thomas Schoppe
aus dem Heim ab und versucht, an der Ecke Baumschulenweg über die Grenzanlagen zu klettern. Es gibt keinen Fluchtplan,
keine Karten oder Helfer. „Wir waren am Zaun, bis zum Westen nur noch ein paar Meter, als es hinter uns rief ,Hände hoch!'“
Thomas Schoppe landet in einem Heim für „härtere Jungs“. Er flieht in die Musik. Wird, in einem Dorf-Tanzsaal entdeckt, mit
der Renft-Combo ein Star, den alle ehrfürchtig „Monster“ nennen. Eckt wieder an. Verliert die Zulassung. Wandert ins
Gefängnis. Wird schließlich in den Westen abgeschoben. Die Mauer, die ihn jetzt nicht mehr von der ersehnten Freiheit, dafür
aber von den Freunden und dem geliebten Großvater trennt, wird dem Mann mit dem mächtigen Rock-Organ zum
Lebensthema. Das Bauwerk in der Mitte Berlins hat ihn gepiesackt, gequält. Schon bei Renft hatte er das mit der
„Rockballade vom kleinen Otto“ herausgeschrien, die zum Auslöser für das Verbot der Band wurde. 30 Jahre später, 45 Jahre
nach seiner gescheiterten Flucht, kommt er erneut darauf zurück. „Die Mauer“ heißt der Song, an dem Schoppe schon seit
1990 feilt, mal mit Band, mal allein zu Hause. „Ich wollte das Lied über diese Mauer schreiben“, sagt er mit einer Betonung
auf „das“. Ein Stück, das knapp 30 Jahre Leiden, Kummer und Angst zusammenfasst in Reime und Harmonien. Doch
immer, wenn er es habe produzieren wollen, sagt der heute 61-Jährige, „hieß es bei den Produzenten: Kein Thema, wen
interessiert das noch?“ Mindestens die, die dabei gewesen sind, glaubt Thomas Schoppe, der sich selbst ein „Kind der
DDR“ nennt, aber zugleich „nie ein Fan dieses Staates“ gewesen ist. „Soll über die Trennung Europas Gras wachsen wie
über die Gleise von Auschwitz“, fragt er, „wollen wir alle vergessen?“ Und antwortet sich selbst: Nein, die Blockade muss
„aufreißen, die seit dem 13. August 1961 in unseren Genen sitzt“.

Zarte Melodie-Massage

Sein Mittel dazu ist nicht rohe Rockkraft, sondern zarte Melodie-Massage zwischen Bowies „Heroes“ und Lindenbergs
„Mädchen aus Ostberlin“. „Die Mauer“, auf der heute erscheinenden Single von Schoppe und der jungen Berlinerin Meike
Jürgens in zwei korrespondierenden Versionen und zusätzlich als berührendes Generationen-Duett gesungen, erzählt die
Geschichte einer Liebe, die im Schatten des „antifaschistischen Schutzwalls“ scheitern muss. Tausendmal passiert in all
den Jahren, nie besungen: Er will rüber. Sie will bleiben. Zusammen geht das nicht. Mit blutigen Tränen und nie
abgeschickten Briefe vergehen beider Leben also weit voneinander. Als die Mauer fällt und das Paar sich wieder begegnen
kann, bleiben die Spuren der trennenden Wand wie eine Naht um beider Herzen. „Tränen des Leid / Salz von Jahren“, singt
Schoppe mit brechender Stimme, „was wir verloren / für die Zeit danach“.

Direkter Link zum Artikel: ‚http://www.mz-web.de/artikel?id=1150384486637‘


„50 Jahre RENFT“ – muß man dazu eigentlich noch mehr sagen? Wir fanden: Unbedingt! Und klingelten deshalb bei Thomas „Monster“ Schoppe, dem einzigen noch verbliebenen Musiker der legendären Frühsiebziger-Phase, durch, um uns mit ihm ausführlich über Vergangenes, Gegenwärtiges und Kommendes zu unterhalten. Das Gespräch sprengte den üblichen Rahmen erheblich und drang so in ungeahnte Tiefen vor, daß es zu vorgerückter Stunde unterbrochen und bei einem weiteren Termin fortgesetzt werden mußte. Hier geht es zum Interview….